„KI“ und Kirche: Ein Update
Im „Eule-Podcast“ vom 16. Juni 2026 sprechen wir über den aktuellen Stand der Arbeit mit „KI“-Werkzeugen in Kirchgemeinden. In unserem Gespräch beziehen wir uns immer wieder auf das kurze Kapitel „KI und Kirche: Ein Ausblick“ aus „Vernetzt und zugewandt“, das im Herbst 2023 geschrieben wurde. Deshalb stellen wir es hier mit freundlicher Genehmigung des Verlages komplett zum Nachlesen zur Verfügung.
Was ist den drei Jahren passiert, seitdem wir den Ausblick geschrieben haben? Welche Rolle spielen „KI“-Werkzeuge heute im Gemeindealltag? Welche Prognosen von 2023 haben sich bewahrheitet – und wo denken wir heute anders (noch kritischer?) über „KI“ und Kirche?
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„KI und Kirche: Ein Ausblick“
Kapitel 7 von „Vernetzt und zugewandt – digitale Gemeinde gestalten“
Wie geht die Kirche mit dem um, was wir „Künstliche Intelligenz“ nennen? Bevor wir einen kurzen Ausblick auf diese Frage werfen, müssen wir verstehen, worüber wir eigentlich reden, wenn wir von „KI“ sprechen. Dieses Kapitel ist nur der Start einer Diskussion, die gerade erst begonnen hat, und beschreibt den Stand vom Oktober 2023. Dieses Buch ist übrigens vollständig ohne Zuhilfenahme von ChatGPT entstanden.
Worüber reden wir?
Im November 2022 veröffentlichte die Firma „OpenAI“ eine öffentlich zugängliche Version ihres Large Language Models ChatGPT. Zuvor hatte OpenAI bereits den automatischen Bildgenerator „Dall-E“ veröffentlicht. Mit Dall-E und ähnlichen Generatoren wie Midjourney oder Stable Diffusion lassen sich auf der Basis von Texteingaben digitale Bilder generieren. Microsoft hat sich bis 2023 mit insgesamt 11 Milliarden US-Dollar an OpenAI beteiligt, um die Entwicklung dieser maschinellen Sprachmodelle voranzubringen.
Die zugrundeliegenden Rechenmodelle der Bildgeneratoren nutzen sogenanntes natural language processing, ein simuliertes natürliches Sprachverständnis, um den eingegebenen Text zu verstehen und nutzen dann eine zuvor gespeicherte riesige Datenmenge, um durch Re-Kombination bereits bekannter Informationen ein neues Bild zu erstellen.
ChatGPT macht das gleiche für Text. „GPT“ steht für „Generative Pre-trained Transformer“ und beschreibt die Technologie, wie ChatGPT seine Texte generiert. Die Eingabe des Menschen, der so genannte Prompt, wird vom zugrundeliegenden Modell analysiert (das ist der „Pre-Trained Transformer”-Teil), dann gibt ChatGPT eine plausibel klingende Antwort aus (das ist der „Generative”-Teil). Es ist ein sogenanntes Large Language Model (abgekürzt LLM), ein riesiges Sprachmodell, und gibt seine Antworten ausschließlich auf der Basis dessen, was wahrscheinlich sprachlich richtig ist. Das bedeutet aber, das ChatGPT gar keine Möglichkeit und keinen Anspruch hat, zu prüfen, ob die Antwort der Maschine richtig oder wahr ist.
Ein LLM wie ChatGPT ist keine Suchmaschine und keine Quelle von Wahrheit. Es ist einfach nur die Erstellung eines Textes, der aufgrund von statistischen Wahrscheinlichkeiten so klingt, wie ein Mensch ebenfalls antworten könnte. Selbst Quellenangaben und Links zu Webseiten werden von der Maschine erfunden, wenn sie plausibel klingen. Ob sie korrekt sind oder überhaupt existieren, ist aber dem Zufall überlassen: Selten trifft die statistische Auswahl auf der Basis von Wahrscheinlichkeit eine bestehende Quelle, meistens erstellt die Maschine aber einfach eine plausibel aussehende Quelle, die nicht existiert.
Microsoft und Google haben beide bereits diese Large Language Models in ihre Suchmaschinen integriert und versuchen, die Ein- und Ausgabe natürlicher Sprache mit Suchergebnissen zu verknüpfen. Dennoch ist derzeit das grundsätzliche Problem nicht gelöst, dass das statistische Sprachmodell keine Verbindung zur empirischen Realität hat.
Warum ist das relevant?
Die generativen Sprachmodelle sind die Vorläufer von dem, was „Künstliche Intelligenz“ irgendwann einmal sein könnte: Maschinen, die wie Menschen denken und handeln können. Der US-Amerikaner Ray Kurzweil und andere Zukunftsdenker sprechen von der „Singularität“, dem Moment, in dem Maschinen-Intelligenz die menschliche Intelligenz in allen Belangen übertrifft. An dem Punkt sind wir noch lange nicht und es deutet in der ernstzunehmenden Wissenschaft auch nichts darauf hin, dass wir diesen Punkt je erreichen könnten.
Dennoch besteht die Befürchtung, dass schon die heute existierenden Large Language Models durch die Automatisierung von Tätigkeiten bestimmte Berufe und menschliche Tätigkeiten ersetzen könnten. Bereits jetzt schon werden automatisch generierte Texte eingesetzt, um lokale Sportberichterstattung und Börsenmeldungen für Webseiten und Zeitungen zu erstellen, in diesem Bereich allerdings durchaus mit dem Anspruch auf Richtigkeit.
Im Gegensatz dazu hat die Medienbeobachtungs-Webseite newsguardtech.com im Juli 2023 bereits mehr als 330 Webseiten identifiziert, deren Inhalte komplett von Textgeneratoren erstellt werden – allerdings ohne jeden Anspruch auf Richtigkeit und einfach frei erfunden. Dennoch werden diese Webseiten von Menschen gefunden und gelesen und lassen sich über automatisierte Werbungs-Netzwerke monetarisieren.
Dabei können Textgeneratoren und Large Language Models durchaus nützliche Werkzeuge sein. Menschen sollten ihre Erzeugnisse allerdings nie für bare Münze nehmen. Keine einzige Sach-Information, die von ChatGPT und ähnlichen Modellen ausgegeben wird, kann ohne weitere Überprüfung verwendet werden! Als Text- Assistenz für kreative Tätigkeiten, bei denen Richtigkeit keine Rolle spielt, sind die Modelle allerdings gut geeignet.
Außerdem gilt: Jedes Sprachmodell ist nur so gut wie die zugrunde liegenden Trainingsdaten. Wer Trainingsdaten der „KI“ komplett kontrollieren kann, kann auch die Qualität des Ergebnisses steuern. Die Verwunderung darüber, was ChatGPT und Co. „überaschenderweise ausgespuckt hat“, die im Jahr 2023 von vielen Menschen in den Kirchen geäußert wurde, die mit KI-Tools experimentiert hatten, ist unnötig: Die Ergebnisse sind nur Extrakte aus den Inhalten, mit denen die „KI“ zuvor trainiert wurde.
„KI“ und Kirche
Im kirchlichen Bereich sind die Anwendungsfelder derzeit noch begrenzt. Als Teil von Werkzeugen und Plattformen, in Schreib- und Designprogrammen, in Buchhaltungssystemen oder in Gemeinde- und Pfarreisoftware werden Anwender:innen in ihrem Alltag mit „KI”-Assistenzen konfrontiert und müssen lernen, sie sinnvoll zu verwenden. Darüber hinaus sollten Menschen in den Gemeinden die Grenzen der Möglichkeiten von „KI”-Sprachmodellen kennen. Wenn es soweit kommt, dass die automatisierte Maschine ganz konkret menschliche Arbeitskraft ersetzen soll, muss eine Gemeindeleitung das kritisch bewerten.
Als Faustregel kann gelten: Der Einsatz von „KI”-gestützten Werkzeugen ist sinnvoll, wenn die Maschine Menschen in ihrer Arbeit unterstützt und ihnen die Arbeit erleichtert und gleichzeitig der Maschine nicht die letzte Entscheidung über Richtigkeit und Wahrheit von Informationen überlassen wird. Aus kirchlicher Sicht nicht sinnvoll oder wünschenswert ist der vollständige Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch die Automatisierung von zwischenmenschlichen Prozessen. Man kann sich außerdem nicht darauf verlassen, dass diese „KI”-Werkzeuge korrekte Fakten ausliefern. Darauf sollten Gemeindeleitungen achten und dann selbst beurteilen, ob sie das entsprechende Werkzeug einsetzen wollen.
Wofür kann man die Werkzeuge auf der Basis von Large Language Models und generativen Rechenmodellen konkret benutzen?
Das Erstellen von Bildern und Illustrationen ist möglich und kann die Bebilderung von Inhalten deutlich vereinfachen. Die Frage, welche Entlohnung den Künstler:innen zusteht, deren Material zum Training der Bildgeneratoren verwendet wurden, und wie das praktisch umgesetzt werden soll, ist nicht abschließend beantwortet. Wer aus moralischen Gründen direkt in Bilddatenbanken oder bei Illustrator:innen einkaufen möchte, dem sei dazu geraten. Beim Einsatz von automatisch generierten Bildern sollte man realistische Darstellungen, die mit einem echten Foto verwechselt werden können, auf jeden Fall vermeiden. Menschen halten Fotos auch in Zeiten von Photoshop und digitaler Bildbearbeitung immer noch auf den ersten Blick für echt, also für ein Abbild der Wirklichkeit. „Du sollst kein falsch Zeugnis reden“ gilt aber auch bei Fotos, weshalb wir empfehlen, automatische Bilder nur so zu generieren, dass sie immer einen illustrativen oder künstlerischen Charakter aufweisen.
Außerdem muss mindestens die Herkunft des Bildes immer klar gekennzeichnet werden: Welches Modell wurde verwendet (Stable Diffusion, Dall-E, Midjourney oder andere) und in welcher Version? Ganz transparent ist, auch den Text und die Einstellungen zu dokumentieren, mit denen das Bild letztlich generiert wurde (das ist der so genannte Prompt).
Die textbasierten LLMs, wie sie im Sommer 2023 zur Verfügung stehen, sind gut geeignet als Schreibhilfen, zum Beispiel für Einladungen. Eine kreative Predigt kommt aus den Sprachmodellen nicht raus, ebenso wenig wie korrekte Bibelzitate. Wer diese LLMs als Schreibhilfe verwenden möchte, muss immer beachten: Man kann sich nie darauf verlassen, dass eine „generative KI“ korrekte Fakten liefert. In der Praxis können sie als Impuls- und Stichwortgeber verwendet werden, um alle möglichen Texte zu schreiben, zum Beispiel wenn man sie nach einer möglichen Gliederung fragt, nach einem Anfangsgedanken, nach Formulierungen in einem ganz bestimmten Stil oder nach einer Zusammenfassung eines vorher eingegebenen Textes. Dafür kann man sie genauso einsetzen wie ein Gespräch mit Kolleg:innen. Eigene Gedanken muss man sich trotzdem machen und den Text am Ende doch selbst schreiben.
Eine besondere Herausforderung für Kirche und Theologie im Umgang mit dem „KI”-Diskurs ist es, deutlich zu machen, was Schöpfung von Kopie, Wahrheit von Wahrscheinlichkeit, Kreativität von Automatisierung unterscheidet. In die „KI”-Debatten sollte sich die christliche Ethik weiterhin intensiv einbringen. Auch in der Kirche sollte verstärkt darauf geachtet werden, dass präzise und wahrhaftig über „KI“ gesprochen und geschrieben wird. Dazu gehört insbesondere, der Technologie keine menschlichen Eigenschaften zuzuschreiben: Eine „KI“ „denkt“ nicht, hat nichts „formuliert“, „entdeckt“, „entworfen“ oder gar „geschaffen“.
Large Language Models basieren allein auf statistischen Wahrscheinlichkeiten, weshalb ihnen bei der Richtigkeit und Wahrheit von Informationen nicht vertraut werden kann. Der Einsatz von „KI”-gestützten Werkzeugen kann Menschen in ihrer Arbeit unterstützen, sollte sie aber nicht ersetzen.
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